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Weiterbildung und Mitarbeiterbindung: Was die Daten zeigen und wie HR hieraus Nutzen ziehen kann

Immer heftigere Fluktuationskosten und Fachkräftemangel zwingen HR dazu, Bindungsinstrumente zu hinterfragen. Gehaltserhöhungen allein wirken nicht mehr. Was Mitarbeitende tatsächlich bindet, ist das Gefühl, sich beruflich entwickeln zu können. Weiterbildung ist damit kein weiches Zusatzangebot, sondern ein messbarer Faktor im Retention-Management.

Bildungsurlaub: Unterschätztes Instrument mit gesetzlichem Rückenwind

In Deutschland haben Arbeitnehmende in den meisten Bundesländern Anspruch auf bezahlte Freistellung zur Weiterbildung, den sogenannten Bildungsurlaub. Der gesetzliche Anspruch variiert je nach Bundesland zwischen fünf Arbeitstagen im Jahr oder zehn Tagen im zweijährigen Turnus. Lediglich in Bayern und Sachsen existiert keine entsprechende landesrechtliche Regelung.

Plattformen wie Bildungsurlauber.de geben Arbeitnehmenden eine strukturierte Übersicht über anerkannte Kurse und erleichtern die Kurssuche nach Bundesland, Themenfeld und Zeitraum. Für HR-Abteilungen von Unternehmen ist das wichtig, weil wenn die Kurssuche einfach einsehbar ist, die interne Nachfrage nach Bildungsurlaub steigt und der Beratungsaufwand sinkt.
Das Problem: Die meisten Unternehmen tolerieren Bildungsurlaub nur, statt ihn strategisch zu nutzen. Aber genau da liegt ein unterschätzter Hebel.

Weiterbildung als Bindungsfaktor: Was Studien belegen

Weiterbildung als Bindungsfaktor: Was Studien belegen

Die Datenlage ist eindeutig. Laut dem LinkedIn Workplace Learning Report 2023 gab 93 Prozent der befragten Mitarbeitenden an, länger in einem Unternehmen zu bleiben, das in ihre Weiterbildung investiert. Der Gallup Engagement Index Deutschland 2023 zeigt gleichzeitig, dass Mitarbeitende mit schwacher Bindung zum Unternehmen dort signifikant öfter ausscheiden, wobei fehlende Entwicklungsperspektiven zu den häufigsten Abwanderungsgründen gehören.
Fluktuationskosten sind kein abstraktes Problem. Die Society for Human Resource Management (SHRM) schätzt, dass die Gesamtkosten einer Neubesetzung, sprich Recruiting, Einarbeitung und Produktivitätsverlust, zwischen 50 und 200 Prozent des Jahresgehalts der jeweiligen Stelle betragen können. Wer Weiterbildung als Kostenfaktor sieht, hat nur einen Teil der Rechnung im Blick.

Ein weiterer Effekt kommt ins Spiel: Weiterbildungsangebote wirken nicht nur auf bestehende Mitarbeitende, sondern auch auf Bewerber:innen. In einer Studie des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) aus dem Jahr 2022 nannten 67 % der Befragten Weiterbildungsmöglichkeiten als entscheidendes Kriterium bei der Arbeitgeberwahl, bei den jüngeren Zielgruppen unter 35 Jahren war dieser Wert noch höher.

Wie HR Weiterbildung strategisch verankert

Der Unterschied zwischen Unternehmen, die von Weiterbildung profitieren, und solchen, die lediglich reagieren, liegt in der Struktur. Weiterbildung wird zur Bindungsstrategie, wenn sie drei Bedingungen erfüllt.
Erstens: Es muss Transparenz über die eigenen Möglichkeiten geben. Wer nicht weiß, dass er anspruchsberechtigt für Bildungsurlaub ist, oder wo es interne Förderprogramme gibt, der wird sie nicht nutzen. HR sollte die Informationen nicht nur im Intranet ablegen, sondern aktiv in Onboarding-Prozesse und regelmäßige Mitarbeitergespräche einbauen.
Zweitens: Relevanz. Weiterbildungsangebote, die nicht zum Tätigkeitsprofil oder den Karrierezielen der Person passen, werden ihre Wirkung verfehlen. Ein Kompetenzmodell, das Entwicklungspfade je Rolle beschreibt, bietet hier die Möglichkeit, Angebote gezielt zu steuern. Viele Unternehmen bedienen sich dazu Skill-Matrizen, die Ist- und Soll-Kompetenzen auf Rollenebene abbilden.
Drittens: Es braucht eine Kultur, die Weiterbildung ermöglicht und nicht nur duldet. Das bedeutet konkret: Führungskräfte, die den Bildungsurlaub genehmigen, ohne Druck aufzubauen, Teams, die so strukturiert sind, dass Abwesenheiten über ein paar Tage problemlos ausgeglichen werden können. Ohne diese strukturellen Voraussetzungen nützen selbst die besten Programme nichts.

Kennzahlen, die HR zur Steuerung nutzen kann

Wer Weiterbildung als strategisches Instrument verankert, braucht auch Messgrößen. Sinnvolle Kennzahlen sind die Weiterbildungsquote, also der Anteil der Mitarbeitenden, die jährlich mindestens eine Maßnahme absolvieren, die durchschnittlichen Weiterbildungstage pro Kopf und Jahr sowie die Korrelation zwischen Weiterbildungsteilnahme und Fluktuationsrate auf Teamebene.
Besonders die letzte Kennzahl ist aufschlussreich, da sie im direkten Vergleich zeigt, ob Weiterbildung tatsächlich mit einer höheren Bindung der Mitarbeitenden einhergeht oder ob andere Faktoren das Zepter in der Hand halten. Wer diese Daten systematisch erhebt und auswertet, kann dann auch vor der Geschäftsführung die Investitionen in Weiterbildung substantiiert begründen, und zwar nicht mit Stimmungsberichten, sondern mit Zahlen.

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