Boris Grundl spricht über einen Punkt, den viele Führungskräfte lange vermeiden. Die eigene Verantwortung endet nicht bei Entscheidungen oder Ergebnissen. Sie beginnt viel früher. Im Inneren. In der Haltung, mit der geführt wird. In dem, was unausgesprochen mitschwingt, lange bevor ein Wort fällt.
Viele glauben, sie müssten nur klarer kommunizieren, mehr leisten oder sich besser organisieren. Doch genau dort liegt oft der Irrtum. Teams reagieren nicht auf PowerPoint und Strategiepapiere. Sie reagieren auf das, was sie spüren. Auf Klarheit. Auf Unsicherheit. Auf Echtheit. Und genau das entscheidet darüber, ob Führung trägt oder zerfällt. Boris Grundl legt den Fokus dorthin, wo es unbequem wird und genau deshalb Wirkung entsteht.
Boris Grundl im Interview
Wie verändert ein Schicksalsschlag den Blick auf Verantwortung und Führung wirklich?
Ein Schicksalsschlag zwingt dich, die Dinge zu sehen, wie sie sind – nicht wie du sie gerne hättest. Als ich 1990 nach einem Klippensprung in Mexiko zu 90 Prozent gelähmt wurde, hatte ich zwei Möglichkeiten: Mich als Opfer der Umstände zu sehen. Oder herauszufinden, was mit den zehn Prozent möglich ist, die noch funktionieren.
Ich habe mich für die zehn Prozent entschieden. Das war keine heldenhafte Entscheidung. Es war die einzige, die Sinn ergab. Und genau das hat meinen Blick auf Führung verändert: Führung beginnt nicht bei anderen. Sie beginnt bei der Frage, wie viel Verantwortung ich bereit bin, für mein eigenes Leben zu übernehmen.
Im Institut arbeiten wir mit sechs Stufen der Verantwortung. Die meisten Menschen bewegen sich zwischen Stufe eins und vier – zwischen Ausreden, Anklagen und Rechtfertigung.
Echte Verantwortung beginnt erst bei Stufe fünf und sechs: Selbstverpflichtung und echter Wille. Der Gedanke „Wenn ich schon muss, dann will ich auch“ ist der Wendepunkt. Nicht der Schicksalsschlag verändert dich. Sondern deine Entscheidung, was du daraus machst.
Warum scheitern viele Führungskräfte nicht an Kompetenz, sondern an ihrer inneren Haltung?
Weil sie glauben, Wissen reiche aus. Im Institut unterscheiden wir klar zwischen Kennen und Können. Kennen ist intellektuelles Verstehen. Können ist gelebte Kompetenz. Dazwischen liegt ein Ozean.
Eine Führungskraft kann alle Modelle kennen, alle Bücher gelesen haben und trotzdem scheitern. Weil ihre innere Haltung etwas anderes sendet als ihre Worte. Wir nennen das die energetische Signatur: Was du innerlich bist, während du redest, kommt bei deinem Gegenüber an. Stärker als jedes Argument.
Wer aus Angst führt, erzeugt Angst. Wer aus Kontrolle führt, erzeugt Widerstand. Und wer aus Klarheit führt, erzeugt Vertrauen. Das ist keine Theorie – das ist Biologie. Spiegelneuronen sorgen dafür, dass dein Team deinen inneren Zustand spiegelt, bevor du den Mund aufmachst.
Was bedeutet Selbstverantwortung im Alltag eines Unternehmers konkret?
Selbstverantwortung bedeutet, den eigenen Einflussbereich konsequent vom Interessenbereich zu trennen. Der Einflussbereich umfasst alles, was ich direkt beeinflussen kann: meine Haltung, meine Entscheidungen, meine Kommunikation.
Der Interessenbereich umfasst alles, was mich interessiert, aber außerhalb meiner Kontrolle liegt: Konjunktur, Politik, was andere über mich denken.
Im Alltag heißt das: Aufhören, Energie in Dinge zu pumpen, die ich nicht ändern kann. Und anfangen, die Dinge zu verändern, die ich beeinflussen kann. Konsequent. Schritt für Schritt. Klingt einfach. Ist es nicht.
Weil die meisten Unternehmer 80 Prozent ihrer Energie im Interessenbereich verbrennen und sich dann wundern, warum sie erschöpft sind.
Konkret: Wenn ein Mitarbeiter nicht leistet, was er soll – dann ist die Frage nicht „Warum tut der nicht, was ich sage?“. Die Frage ist: „Was habe ich dazu beigetragen, dass er nicht ins Handeln kommt?“ Das ist Selbstverantwortung. Und sie beginnt jeden Morgen neu.
Wichtig! Dabei habe ich nie alle Verantwortung und nie keine Verantwortung. Wieviel bei mir liegt herauszufinden, ist eine Kunst.
Boris Grundl macht Haltung messbar
Warum folgen Menschen eher Klarheit als Autorität?
Weil Autorität allein nur Gehorsam erzeugt. Klarheit erzeugt Vertrauen. Und Vertrauen ist die Währung, die wirklich zählt.
Im Leading Simple System sprechen wir von Aufnahmebereitschaft und Aufnahmeberechtigung. Ein Titel gibt dir die Berechtigung, etwas zu sagen. Aber die Bereitschaft deines Gegenübers, es wirklich aufzunehmen – emotional, nicht nur kognitiv – die entsteht durch Kongruenz. Durch die Übereinstimmung von Denken, Fühlen und Handeln.
Menschen spüren in Millisekunden, ob jemand meint, was er sagt. Sie können es nicht immer benennen. Aber sie spüren es. Und sie folgen dem, der klar ist – nicht dem, der laut ist.
Welche Denkfehler halten erfolgreiche Menschen am häufigsten klein?
Drei Denkfehler sehe ich immer wieder:
Erstens: „Ich weiß das schon.“ Das ist der gefährlichste Satz in der Entwicklung. Wer glaubt, etwas zu wissen, hört auf zu lernen. Kennen ist nicht Können. Und die Lücke dazwischen ist oft größer, als man denkt.
Zweitens: „Ich muss es allein schaffen.“ Erfolgreiche Menschen verwechseln Stärke mit Unabhängigkeit. Wahre Stärke liegt darin, sich verletzbar zu zeigen und Unterstützung anzunehmen. Ein Leader, der alles allein machen will, erzeugt Abhängigkeit – bei sich selbst.
Drittens: „Wenn ich nur härter arbeite, wird es besser.“ Mehr vom Gleichen bringt mehr vom Gleichen. Entwicklung entsteht durch Bewusstseinssprünge – nicht durch mehr Stunden am Schreibtisch. Wer auf Stufe drei der Kompetenz feststeckt, braucht keinen längeren Arbeitstag.
Er braucht eine tiefere mentale Unterscheidung.
Welchen Tipp geben Sie Führungskräften, die gerade feststecken oder aufgeben wollen und wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?
Stellen Sie sich eine einzige Frage: „Was will ich jetzt, was ich muss?“ Nicht morgen. Jetzt. In diesem Moment. „Wie kann ich aus diesem MUSS ein WILL machen?“ Dieser Perspektivwechsel von der Pflicht zur Lust verändert alles – Ihre Energie, Ihre Ausstrahlung, Ihre Wirkung auf andere.
Und dann: Hören Sie auf, an Ihrer Oberfläche zu polieren. Investieren Sie in Ihre Tiefe. Das ist keine weiche Empfehlung. Das ist harte Arbeit. Sie verlangt Mut, viel Mut. Aber es ist die einzige Arbeit, die nachhaltig Wirkung zeigt.
Wer tiefer einsteigen möchte, findet uns unter grundl.de. Oder auf YouTube. Unser Ansatz „Leading Simple“ macht Führung erlernbar – durch klare Systeme, nicht durch Motivationsshows.
Und unsere Seminare „Kraft der Sprache“ entwickeln die Tiefe der Persönlichkeit, die echte Wirkung erst möglich macht. Und bei „Steh auf!“ geht es um Entscheidungskraft und kluge Selbstverantwortung.
Über Boris Grundl
Boris Grundl gilt als einer der erfolgreichsten Managementtrainer Europas. Seit einem Unfall, der ihn 1990 zu 90 Prozent lähmte, zeigt er, was mit den verbleibenden Möglichkeiten erreichbar ist. Er ist Autor von 12 Büchern und sein Grundl Leadership Institut war in den letzten 26 Jahren für die Transformation von 329 Firmenkulturen verantwortlich und hat dabei über 18.000 Führungskräfte in ihrer Entwicklung begleitet.
Mehr Klartext statt Management-Floskeln gibt es auf dem YouTube-Kanal von Boris Grundl. Der Relaunch liefert regelmäßig neue Perspektiven auf Führung, die hängen bleiben.





