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Silke Grotegut und Marcel Zimmermann gegen Karriere Einheitsbrei

Noch nie war es so einfach, Bewerbungen perfekt aussehen zu lassen. KI formuliert Anschreiben in Sekunden, optimiert Lebensläufe und verwandelt LinkedIn Profile in Hochglanzfassaden. Das Problem: Immer mehr Kandidat:innen klingen plötzlich gleich. Austauschbar. Glatt. Vergessbar.

Silke Grotegut und Marcel Zimmermann erleben genau das täglich in der Praxis. Im Interview erklären sie, warum KI keine Karriere rettet, wenn die eigene Klarheit fehlt, weshalb Persönlichkeit zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil wird und warum Bewerber:innen heute lernen müssen, sich trotz Automatisierung wieder wirklich sichtbar zu machen.

Interview mit Silke Grotegut & Marcel Zimmermann

Interview Silke Grotegut & Marcel Zimmermann

Wie entstand die Idee zu Ihrem gemeinsamen Buch „Mit KI zum Karrieresprung“?

Silke Grotegut:
Die Idee ist sehr praktisch entstanden: Marcel und ich haben uns in einer KI-Weiterbildung kennengelernt. Wir waren in einer Arbeitsgruppe und mir fiel sofort seine IT- und KI-Affinität auf und wie stark er in Prozessen und Frameworks denkt.

Er kommt aus dem internationalen Marketing, war Vice President Global Marketing und denkt automatisch in Customer Journeys, Funnels und Touchpoints.

Parallel dazu wurde mir noch einmal bewusst: Der Weg einer Jobsuchenden folgt im Kern ebenfalls einer klaren Abfolge, von der Klärung der eigenen Positionierung über den Lebenslauf bis zum verdeckten Markt, Bewerbung und Interviews.

In der gemeinsamen Arbeit an meinem Klientenprozess wurde schnell klar: Das ist eine „Job Seeker’s Journey“, die sich als Prozess designen lässt und die sich mit KI hervorragend unterstützen lässt. Daraus entstand die Idee: „Daraus müssten wir ein Buch machen.“

Ich bringe die Innenperspektive mit: 14 Jahre Personalmanagement, hunderte Recruitingprozesse, tausende Bewerbungen. Ich weiß, was Entscheider:innen wirklich suchen und wo Bewerber:innen scheitern.

Marcel bringt die strategische Außenperspektive: Er hat die Job Seeker’s Journey als Framework entwickelt und denkt Karriereplanung wie eine gut gemachte Customer Journey.

Ein wichtiger Auslöser waren außerdem meine Klient:innen: Viele kommen mit Unterlagen, die sie „mit KI erstellt“ haben. Formal sind die okay, inhaltlich aber meist sehr schwach.

Was viele nicht wissen: wie man KI richtig brieft und welche Informationen sie braucht, um wirklich brauchbare Ergebnisse zu liefern. Da war klar: Es braucht ein Buch, das nicht noch mehr Heilsversprechen macht, sondern die Prinzipien erklärt.

Weil KI extrem schnelllebig ist, arbeiten wir im Buch bewusst nicht tool-zentriert, sondern prinzipienorientiert. Die konkreten Prompts liegen auf einer Landingpage, die wir laufend aktualisieren können. So bleibt das Buch gültig und die Leser:innen bekommen trotzdem immer den aktuellsten Stand der Umsetzung.

Warum wird KI die Jobsuche und Karriereentwicklung nachhaltig verändern?

Marcel Zimmermann:
Künstliche Intelligenz ist keine weitere digitale Spielerei, sie verschiebt gerade die Spielregeln am Arbeitsmarkt.

Auf Unternehmensseite setzen viele Firmen KI-gestützte Systeme ein, von der Formulierung von Stellenanzeigen über die Vorauswahl von Bewerbungen bis hin zur Active-Sourcing-Recherche auf LinkedIn. Algorithmen entscheiden heute oft, bevor überhaupt ein Mensch auf ein Profil schaut.

Auf Kandidatenseite gilt: Wer KI sinnvoll nutzt, kann Prozesse massiv beschleunigen. Recherche im verdeckten Arbeitsmarkt, das Identifizieren passender Unternehmen, die Vorbereitung auf Interviews. All das dauert heute nur noch Stunden statt Wochen.

Gleichzeitig entsteht ein „Application Overload“. Bei HR landen mehr Bewerbungen als je zuvor, und viele davon wirken auf den ersten Blick „perfekt“.

Genau hier verändert KI die Karriereentwicklung nachhaltig:

  • Rollen werden flexibler, Berufswechsel häufiger, Übergänge zur Normalität.
  • „Fusion Skills“ werden zur Eintrittskarte: die Verbindung aus Fachkompetenz, digitaler Kompetenz und der Fähigkeit, mit KI zu arbeiten.
  • Sichtbarkeit und Positionierung werden wichtiger als ein formal makelloser Lebenslauf.

Wer KI als strategisches Werkzeug beherrscht, kann seine Karriere aktiv steuern. Wer sie ignoriert, riskiert den Anschluss zu verlieren. Nicht, weil er oder sie schlecht ist, sondern weil andere sich intelligenter aufstellen.

Welche Fehler beobachten Sie beim Einsatz von KI im Bewerbungsprozess besonders häufig?

Silke Grotegut:
Der größte Fehler: Viele behandeln KI wie einen Ghostwriter – und nicht wie einen Sparringspartner.

Bewerber:innen kopieren Prompts aus dem Internet, lassen sich Anschreiben „in 30 Sekunden“ generieren und übernehmen die Texte fast unverändert. Das Ergebnis sind Unterlagen, die technisch gut aussehen, aber austauschbar wirken. Zu glatt, zu perfekt, manchmal seelenlos und das erkennen erfahrene Recruiter:innen und Headhunter sofort.

Der zweite Fehler: Menschen starten mit der KI, bevor sie mit sich selbst angefangen haben. Wer nicht weiß, wohin er beruflich will, welche Stärken und Kompetenzen er wirklich mitbringt und welche Aufgabe zur eigenen Persönlichkeit passt, kann auch von der KI nicht erwarten, dass sie Unterlagen produziert, die Arbeitgeber neugierig machen.

Dann entstehen generische Lebensläufe und Profiltexte, die den Menschen dahinter nicht widerspiegeln. Mein Eindruck: Nicht die KI ist das Problem, sondern die Erwartung an sie. Wer sie als Abkürzung nutzen will, statt als Hilfe zur Klarheit, landet bei genau den Bewerbungen, die heute in der Masse untergehen.

Marcel Zimmermann warnt vor KI Masken

Zitat Marcel Zimmermann

Wie können Bewerber KI nutzen, ohne dabei austauschbar zu wirken?

Silke Grotegut:
Der Schlüssel liegt in der Reihenfolge.

Ich empfehle meinen Klient:innen, KI konsequent als Sparringspartner zu nutzen. Zuerst geht es um Fragen wie: „Was kann ich wirklich gut und was davon macht mir Freude?“ oder „Für welche Art von Rolle möchte ich wahrgenommen werden?“

In unserem Buch arbeiten wir zum Beispiel mit der KI-Persona MIRCO, einem „Identity & Role Coach“, der hilft, die eigene Personenmarke klar herauszuarbeiten.

KI sollte nicht aus dem Nichts schreiben, sondern auf deiner eigenen Geschichte aufbauen: frühere Projekte, Erfolge, Feedbacks, alte Zeugnisse, LinkedIn-Profil. Aus dem roten Faden kann die KI dann auch interessante Unterlagen erstellen.

Ich arbeite gern mit dem „Papier-Test“: Alles, was KI formuliert, wird laut gelesen. Wenn du denkst: „So spreche ich nie“, ist das ein Signal zum Überarbeiten. Dann bleibt die Struktur der KI aber die Sprache wird wieder deine.

Außerdem eignet sich KI hervorragend, um deine „Unique Combination“ sichtbar zu machen: also die Mischung aus Fachkompetenz, Branchenwissen und Persönlichkeit, die dich wirklich ausmacht. Wenn Prompting darauf abzielt, diese Einzigartigkeit zu schärfen, statt sie zu glätten, wirkst du im Ergebnis klarer, nicht austauschbarer.

So wird KI vom Textgenerator zum Reflexionsinstrument. Sie verstärkt, was schon da ist und genau das sorgt dafür, dass Bewerber:innen trotz Automatisierung erkennbar sie selbst bleiben.

Welche Rolle spielen Persönlichkeit und Positionierung trotz zunehmender Automatisierung?

Silke Grotegut:
Persönlichkeit und eine klare Positionierung haben schon immer eine ganz zentrale Rolle gespielt. Ich glaube heute hat es noch mehr Wichtigkeit als vor der KI-Welle.

Je stärker Teile des Bewerbungsprozesses automatisiert werden, desto wichtiger werden die Elemente, die sich nicht automatisieren lassen: Persönlichkeit, Haltung, Klarheit über die eigene Rolle.

In der Praxis sehen wir das an drei Punkten:

  • Recruiter:innen suchen Orientierung. In Zeiten von Application Overload brauchen sie klare Signale: Wofür steht diese Person? In welcher Rolle sehe ich sie sofort? Wer das nicht auf den Punkt bringt, geht im Einheitsbrei unter.
  • Positionierung wird zum Filter. Eine klare Personal Brand hilft nicht nur Bewerbenden, sondern auch Unternehmen. Wenn jemand deutlich macht, für welche Themen, Branchen oder Problemstellungen er steht, wird die Passung viel schneller sichtbar – auf beiden Seiten.
  • Vertrauen entsteht im Persönlichen. Ein ATS kann vorfiltern und eine KI kann Texte prüfen, aber sie kann kein Vertrauen aufbauen. Das passiert in Gesprächen, im Netzwerk, durch Referenzen und im Umgang miteinander. Dort entscheidet Persönlichkeit: Zu wem passt diese Führungsrolle? Wem traue ich ein Transformationsprojekt zu?

Unsere Erfahrung: Je automatisierter der Prozess, desto wertvoller werden Menschen, die wissen, wer sie sind, wofür sie stehen und das auch konsistent kommunizieren. Persönlichkeit und Positionierung sind damit keine „Soft-Themen“ mehr, sondern strategische Karriereinstrumente.

Was sollten Fach- und Führungskräfte heute verstehen, um beruflich nicht den Anschluss zu verlieren?

Marcel Zimmermann:
Drei Dinge sind aus meiner Sicht entscheidend:

Erstens: KI-Kompetenz wird zur neuen Grundfähigkeit.
Du musst keine Data Scientist werden. Aber du solltest verstehen, wie du mit KI arbeitest: Wie formuliere ich gute Prompts? Wo kann KI mir Zeit schenken und wo bleibt die Verantwortung bei mir? Welche Tools nutzt mein Unternehmen, welche der Arbeitsmarkt (zum Beispiel ATS oder Sourcing-KI)?

Zweitens: Karriere wird dynamischer – Rollenflexibilität ist eine Kernkompetenz.
Studien zeigen, dass Millionen von Menschen in den nächsten Jahren nicht nur den Arbeitgeber, sondern den Beruf wechseln werden. Das bedeutet: weg von der Idee des „einen Berufslebens“. Hin zur Frage: Welche übergeordneten Kompetenzen bringe ich mit, die ich in verschiedene Rollen mitnehmen kann? Wer das früh durchdenkt, erlebt Veränderung eher als Chance denn als Bedrohung.

Drittens: Sichtbarkeit und Netzwerk sind kein „Nice-to-have“ mehr.
Ein großer Teil interessanter Positionen entsteht im verdeckten Markt. Wer beruflich anschlussfähig bleiben möchte, braucht ein gepflegtes, klares Profil auf Plattformen wie LinkedIn, ein tragfähiges Netzwerk, das nicht nur aus „Kontakten“, sondern aus Beziehungen besteht, und die Bereitschaft, sich auch dann mit der eigenen Positionierung zu beschäftigen, wenn gerade kein Wechsel akut ansteht.

Wenn du dein Netzwerk brauchst, dann muss es schon stehen. – Silke Grotegut

Vielleicht lässt sich das so zusammenfassen: Fach- und Führungskräfte sollten verstehen, dass KI weder ihr Gegner noch ihr Heilsbringer ist. Sie ist ein sehr mächtiges Werkzeug. Wer lernt, es strategisch für die eigene Entwicklung zu nutzen, gewinnt Zeit, Klarheit und Reichweite und genau das wird in einer beschleunigten Arbeitswelt zum Wettbewerbsvorteil.

Über Silke Grotegut

Silke Grotegut war 14 Jahre als Personalerin und Sparringspartnerin von Führungskräften beim DAX-Konzern Deutsche Telekom AG. Seit 2015 unterstützt sie als Bewerbungs- und Karriereberaterin Menschen bei ihrer beruflichen Neuorientierung.

Ihr Wissen teilt sie regelmäßig in ihren Kolumnen bei der Frankfurter Rundschau und als XING Insiderin, darüber hinaus ist sie Autorin von „Karriere machen mit XING, lnkedin & Co.“ und „Mit KI zum Karrieresprung“.

Über Marcel Zimmermann

Marcel Zimmermann verbindet mit über 20 Jahren Erfahrung in Executive-Rollen, globalem Marketing und Customer Experience strategische Perspektive mit pragmatischer Zusammenarbeit. Parallel zu seiner Tätigkeit in der Wirtschaft war er mehrere Jahre als Hochschuldozent tätig und als Speaker auf internationalen Kongressen aktiv.

Heute begleitet er Executives, Gründer:innen und selbstständige Unternehmer in Wachstums- und Transformationsphasen dabei, Ordnung in Komplexität zu bringen, Marketing und Customer Journey konsequent an Unternehmenszielen auszurichten und Strategie in fokussierte Umsetzung zu übersetzen.

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