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Xenia Wöhry: Warum Recruiting oft falsch entscheidet

Xenia Wöhry denkt Recruiting konsequent vom Menschen aus. Für sie entscheidet nicht die perfekte Stellenanzeige über eine erfolgreiche Besetzung, sondern die Qualität der Gespräche und die Fähigkeit, wirklich zuzuhören. Genau dort entstehen die entscheidenden Unterschiede, die über Erfolg oder Scheitern einer Zusammenarbeit bestimmen.

Xenia Wöhry zeigt im Interview, warum Lebensläufe selten das Problem sind, weshalb vermeintlich „kleine Faktoren“ in Wahrheit über langfristige Zusammenarbeit entscheiden und wie echte Passung entsteht, wenn Erwartungen, Realität und Entwicklungsperspektiven wirklich zusammen gedacht werden.

Interview mit Xenia Wöhry

Interview Xenia Wöhry

Warum entscheidet Zuhören im Recruiting stärker als jede Stellenanzeige?

Aus meiner Erfahrung entscheidet Zuhören im Recruiting stärker als jede Stellenanzeige, weil Recruiting für mich kein reiner Informationsprozess ist, sondern immer auch ein Beziehungsprozess.

Natürlich braucht es eine Stellenanzeige. Sie gibt Orientierung, beschreibt Aufgaben, Anforderungen und zeigt, wen ein Unternehmen sucht. Aber sie erzählt immer nur einen Teil der Geschichte. Sie beschreibt Rollen und Anforderungen – aber sie zeigt selten, was Menschen wirklich bewegt, warum sie über einen Wechsel nachdenken oder welche Erwartungen sie an ihre Arbeit und ihr Umfeld haben.

Und genau diese Dinge spielen in der Realität oft eine viel größere Rolle als die eigentliche Aufgabenbeschreibung. Erst wenn man sich die Zeit nimmt zuzuhören, versteht man schnell, welche Motive, Werte oder auch Lebenssituationen hinter einer Entscheidung stehen. Man merkt, was jemand wirklich sucht und manchmal auch, was jemand gerade hinter sich lassen möchte.

Gleichzeitig gilt das natürlich auch für Unternehmen. Auch dort zeigt sich im Gespräch oft viel mehr als in einer Anzeige: Wie Teams wirklich zusammenarbeiten, wie Entscheidungen getroffen werden oder wie Führung im Alltag tatsächlich gelebt wird.

Und genau in diesem gegenseitigen Verstehen entsteht am Ende die eigentliche Passung. Deshalb entscheidet aus meiner Sicht nicht die Formulierung einer Stellenanzeige darüber, ob eine Besetzung gelingt – sondern die Qualität der Gespräche und die Fähigkeit, wirklich zuzuhören.

Was macht ein echtes Match jenseits von Lebenslauf und Skillset aus?

Ein echtes Match jenseits von Lebenslauf und Skillset entsteht für mich dort, wo zwei Seiten nicht nur zusammenpassen, sondern miteinander wirklich etwas bewegen wollen und können.

Der Lebenslauf beantwortet ja zunächst eine relativ einfache Frage: Kann jemand diesen Job fachlich machen? Ob eine Zusammenarbeit langfristig funktioniert, entscheidet sich aber an ganz anderen Stellen.

In der Praxis geht es um Dinge, die man auf den ersten Blick kaum sieht.

  • Stimmen Erwartungen, Arbeitsweise und Realität wirklich überein?
  • Wie werden Entscheidungen getroffen?
  • Wie wird Verantwortung im Alltag tatsächlich gelebt – nicht nur beschrieben?
  • Welches Tempo ist normal?
  • Und wie viel Gestaltungsspielraum gibt es wirklich, außerhalb Stellenanzeigen?

Genau diese Faktoren prägen den Arbeitsalltag, tauchen aber weder im Lebenslauf noch im Skillset auf.

Ein echtes Match merkt man deshalb oft daran, wie sich Zusammenarbeit anfühlt: Ob sie Energie freisetzt oder ob sie auf Dauer eher Kraft kostet. Am Ende geht es für mich darum, ob Menschen und Organisation in derselben Realität erfolgreich sein können und nicht nur in einer idealisierten Version davon. Wenn das gelingt, lassen sich fachliche Lücken meist schließen und Strukturen weiterentwickeln.

Fehlt diese Kompatibilität, stoßen selbst perfekte Profile irgendwann an Grenzen. Ein echtes Match ist für mich deshalb kein perfektes Zusammenpassen auf dem Papier, sondern eine Zusammenarbeit, die Energie gibt, statt dauerhaft Kraft zu kosten.

Warum scheitern viele Besetzungen an kleinen übersehenen Faktoren?

Viele sprechen davon, dass Besetzungen an kleinen Faktoren scheitern. Meine Erfahrung ist: Diese Faktoren sind selten klein. Sie werden im Prozess nur schlicht unterschätzt. Vielleicht knüpfe ich damit auch an meine vorherige Antwort an, aber genau deshalb halte ich es für so wichtig.

Diese Themen tauchen im Recruiting immer wieder auf. Wir versuchen im Recruiting zwangsläufig, eine sehr komplexe Zusammenarbeit auf überprüfbare Kriterien zu reduzieren: Erfahrung, Verantwortungsbereiche, Aufgabenprofil. Das ist auch notwendig, weil es Orientierung schafft und Entscheidungen greifbarer macht.

Gleichzeitig geraten dabei aber oft genau die Dinge in den Hintergrund, die den Arbeitsalltag tatsächlich prägen. Zum Beispiel, wie Entscheidungen im Unternehmen getroffen werden, wie mit Unsicherheit umgegangen wird oder wie viel Eigenverantwortung eine Rolle wirklich mit sich bringt.

Im Gespräch wirken solche Punkte oft wie Randthemen, weil sie schwer messbar sind. Im Arbeitsalltag bestimmen sie aber sehr stark, wie sich Zusammenarbeit anfühlt und ob sie langfristig funktioniert.

Deshalb scheitern viele Besetzungen aus meiner Sicht nicht an einzelnen falschen Entscheidungen. Sie scheitern eher daran, dass man versucht hat, eine komplexe Realität zu stark zu vereinfachen.

Xenia Wöhry: Woran echte Passung wirklich erkennbar ist

Zitat Xenia Wöhry

Wie erkennt man, ob Kandidat und Unternehmen langfristig zusammenpassen?

Wenn man wirklich sicher erkennen könnte, ob Kandidat und Unternehmen langfristig zusammenpassen, gäbe es wahrscheinlich deutlich weniger Überraschungen nach sechs oder zwölf Monaten. Die Wahrheit ist: Ganz sicher weiß man es nie.

Was man aber sehr wohl erkennen kann, ist etwas anderes – nämlich ob beide Seiten in eine ähnliche Richtung denken. Also ob sie eine vergleichbare Vorstellung davon haben, wohin sich eine Rolle entwickeln soll, wie sich ein Unternehmen weiterbewegen möchte und welche Erwartungen jemand an seine eigene Entwicklung hat.

Langfristige Zusammenarbeit funktioniert selten deshalb gut, weil am Anfang alles perfekt zusammenpasst. Sie funktioniert eher dann, wenn beide Seiten ein gemeinsames Verständnis davon haben, wo die Reise hingehen soll und bereit sind, sich auf diesem Weg auch weiterzuentwickeln.

Denn sowohl Unternehmen als auch Menschen verändern sich. Rollen wachsen, Organisationen entwickeln sich weiter, Prioritäten verschieben sich. Wenn beides möglich ist – gemeinsame und individuelle Entwicklung – entsteht oft eine sehr stabile Form der Zusammenarbeit.

Deshalb erkennt man langfristige Passung aus meiner Sicht weniger an perfekten Voraussetzungen. Man erkennt sie daran, ob Kandidat und Unternehmen eine Zukunft miteinander denken können.

Welche Rolle spielt persönliche Begleitung im gesamten Bewerbungsprozess?

Persönliche Begleitung spielt für mich im Bewerbungsprozess eine große Rolle, vielleicht auch, weil ich genau diese Begleitung selbst bin. Ich arbeite nicht nach dem Prinzip, dass ich Menschen zu Gesprächen schicke und danach wieder auftauche.

Ich begleite diesen Weg davor, dazwischen und danach. Ich bereite Gespräche vor, ich höre zu, wenn neue Eindrücke entstehen, und ich helfe dabei, Dinge einzuordnen, die zwischen den Terminen oft noch unsortiert im Raum stehen. Dabei sehe ich mich nicht nur als Vermittlerin, sondern sehr klar auch als Beraterin.

Und manchmal auch als Übersetzerin zwischen zwei Perspektiven. Ich spreche mit Unternehmen darüber, was eine Rolle im Alltag wirklich bedeutet und mit Kandidatinnen und Kandidaten darüber, was sie tatsächlich suchen oder brauchen. In gewisser Weise bin ich auch ein Sprachrohr in beide Richtungen: nach innen ins Unternehmen und nach außen in die Bewerberwelt. Ich nehme Beobachtungen, Erwartungen und auch Zweifel auf und helfe dabei, sie verständlich zu machen.

Ein Bewerbungsprozess besteht schließlich nicht nur aus Interviews. Dazwischen entstehen Gedanken, Fragen, Emotionen und manchmal auch Unsicherheiten. Genau in diesen Momenten entsteht oft der eigentliche Mehrwert persönlicher Begleitung.

Was ist Ihr wichtigster Erfolgsfaktor für nachhaltige Matches und wie kann man mit Ihnen zusammenarbeiten?

Viele denken, nachhaltige Matches entstehen durch den perfekten Lebenslauf. Meine Erfahrung ist eine andere. Für mich geht es vor allem darum zu verstehen, was es wirklich braucht, damit zwei Seiten am Ende guten Gewissens „Ja“ sagen können.

Es geht um die Person, um die Beweggründe, Erwartungen, Dynamiken im Unternehmen und auch um das Bauchgefühl, das Menschen bei einer Entscheidung haben. Deshalb nehme ich mir bewusst Zeit für Gespräche und versuche, die Perspektiven auf beiden Seiten wirklich zu verstehen.

  • Was bewegt jemanden zu einem Wechsel?
  • Was braucht es wirklich?
  • Und unter welchen Bedingungen fühlt sich eine Entscheidung für beide Seiten richtig an?

Nachhaltige Matches entstehen für mich genau dort, wo am Ende nicht nur der Lebenslauf passt, sondern auch Kopf, Bauch und Herz im Einklang sind – auf beiden Seiten. Mit mir zusammenzuarbeiten bedeutet deshalb nicht einfach Vermittlung.

Es bedeutet, dass ich ganz nah an der Seite bin – mit Herz, Zeit und echter Aufmerksamkeit – durch den gesamten Prozess. Ich stelle viele Fragen, auch kritische. Gerade dann, wenn sie im Moment unbequem sind, aber später über eine gute Zusammenarbeit entscheiden können.

Mein Ziel ist immer, dass Entscheidungen auf einer Grundlage wachsen, die wirklich trägt – für den Moment, aber auch vor allem für den Weg danach.

Über Xenia Wöhry

Xenia Wöhry ist Personalberaterin mit einem klaren Fokus auf nachhaltige Verbindungen zwischen Menschen und Unternehmen. Sie begleitet Bewerbungsprozesse nicht nur punktuell, sondern ganzheitlich und unterstützt beide Seiten dabei, fundierte Entscheidungen zu treffen. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Überzeugung, dass erfolgreiche Karriereschritte dort entstehen, wo Vertrauen wächst, Perspektiven klarer werden und echte Veränderung möglich ist.

 

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