Viele Führungskräfte sind heute permanent erreichbar, digital vernetzt und trotzdem emotional kaum noch greifbar. Teams funktionieren auf dem Papier, doch Vertrauen, Zugehörigkeit und echte Verbindung gehen im Arbeitsalltag immer häufiger verloren. Zwischen KI, Hybrid Work und Dauerveränderung wächst in vielen Unternehmen genau das, worüber kaum jemand offen spricht: Orientierungslosigkeit.
Barbara Liebermeister hält dagegen. Sie plädiert für eine neue Art von Leadership, die Menschen nicht nur informiert, sondern wirklich erreicht. Im Interview spricht sie darüber, warum klassische Führungsmodelle in der digitalen Arbeitswelt an ihre Grenzen stoßen, weshalb Netzwerke längst wichtiger geworden sind als reine Fachkompetenz und warum moderne Führung vor allem eines braucht: mehr Menschlichkeit.
Interview mit Barbara Liebermeister
Warum scheitern viele Führungskräfte heute daran, in der digitalen Arbeitswelt wirklich wirksam zu führen?
Viele Führungskräfte scheitern nicht, weil sie zu wenig wissen. Sie scheitern eher daran, dass sie alte Führungslogiken in eine neue Arbeitswelt übertragen. Sie führen digital, denken aber noch analog. Sie nutzen Tools, Plattformen, KI-Anwendungen und hybride Formate, aber die innere Haltung dahinter hat sich oft nicht wirklich verändert.
Digitale Führung bedeutet auf keinen Fall, Meetings auf Teams oder Zoom zu verlagern und sich zu duzen! Es bedeutet im Hinterkopf zu haben, wie Menschen ticken und fühlen. Es bedeutet, Beziehung zu gestalten, obwohl man sich seltener sieht. Und es bedeutet, Menschen mitzunehmen, die sehr unterschiedliche Bedürfnisse, Erfahrungswelten und Sicherheitsgefühle haben.
Aus meiner Erfahrung unterschätzen Führungskräfte die menschliche Seite der Digitalisierung. Unser Gehirn braucht Vertrauen, soziale Signale, Zugehörigkeit und Sinn. Wenn Führung nur noch über Aufgaben, Ziele, Prozesse und digitale Kanäle läuft, geht genau das verloren.
Missverständnisse, Rückzug, stille Widerstände werden daraus geboren. Oder auch das Gefühl: „Ich fühle mich nicht zugehörig.“ Nicht umsonst bestätigen uns Studien, dass die Fluktuation steigt und die Teamidentität schwindet.
Wirksame Führung im digitalen Zeitalter beginnt nicht mit dem nächsten digitalen Tool, das mir irgendwie erlaubt, Menschen zu führen also nicht bei der Technik, sondern beim Menschen.
Was macht „Influencer-Leadership“ konkret anders als klassische Führungsansätze?
Influencer-Leadership bedeutet für mich nicht, dass Führungskräfte plötzlich wie Social-Media-Stars auftreten müssen. Es geht nicht um Lautstärke, Selbstdarstellung oder permanente Sichtbarkeit. Es geht um Haltung.
Klassische Führung war lange stark an Position, Hierarchie und formaler Entscheidungsmacht gebunden. Influencer-Leadership fragt dagegen: Warum folgen Menschen mir wirklich? Weil ich eine Funktion habe?
Oder weil ich eine gewisse Haltung verkörpere, für die ich einstehe, sogar gegen den Strom?! Weil ich anderen nicht nach dem Mund rede, neue Richtungen wage und Orientierung gebe, Vertrauen aufbaue und andere in Bewegung bringe?
Eine Führungskraft wird heute immer mehr zur Resonanzfigur. Sie muss Themen setzen können, Menschen verbinden, Energie erzeugen und auch in digitalen Räumen spürbar bleiben. Das gelingt nicht über perfekte Botschaften, sondern über menschliche, die mich als Führungskraft auch nahbar machen.
Sie gelingt über Glaubwürdigkeit und Emotionen. Mitarbeitende merken sehr schnell, ob jemand nur kommuniziert, weil es auf der Agenda steht, oder ob es von Herzen kommt und ob die Person tatsächlich etwas vermitteln will.
Influencer-Leadership heißt aus meiner Sicht übersetzt: Menschen nicht nur zu informieren, sondern innerlich zu erreichen. Wer führen will, muss sichtbar machen, wofür er steht. Das darf definitiv nicht inszeniert sein, sondern die Menschen müssen davon ‚angesteckt‘ werden.
Warum entscheidet Networking heute oft stärker über Erfolg als Fachkompetenz?
Fachkompetenz bleibt natürlich wichtig, aber sie reicht bei weitem nicht aus. In komplexen Organisationen gewinnt selten die beste Idee automatisch. Sie gewinnt erst dann, wenn sie verstanden, unterstützt und weitergetragen wird. Dort hilft Networking!
Viele Menschen verbinden Networking noch immer mit Small Talk, Visitenkarten oder strategischem „Sich-nützlich-Machen“. Ich sehe das anders. Ein gutes Netzwerk ist ein lebendiges System aus Vertrauen, Wissen, Perspektiven und gegenseitiger Unterstützung. Und wenn gemeinsam etwas erreicht werden kann, was alleine nie möglich gewesen wäre.
Gerade in der digitalen Arbeitswelt kann niemand mehr alles allein überblicken. Führungskräfte brauchen Menschen, die ihnen früh Signale geben, blinde Flecken spiegeln, Türen öffnen oder neue Perspektiven einbringen. Netzwerke sind heute eine Art Frühwarnsystem und Möglichkeitsraum zugleich.
Wer fachlich brillant ist, aber isoliert arbeitet, bleibt in der Regel unter seinen Möglichkeiten. Wer dagegen Beziehungen bewusst pflegt, wird anschlussfähig und Ideen bekommen ‚Füße‘😊 Eine Grundvoraussetzung für Anschlussfähigkeit ist das Weitertragen von genialen Ideen und ist daher eine der unterschätzten Erfolgsgrößen moderner Führung.
Barbara Liebermeister denkt Führung neu
Was verbirgt sich hinter „Alpha Intelligence“ und warum brauchen Führungskräfte sie gerade jetzt?
Alpha Intelligence ist ein Konzept, das ich aus meiner langjährigen Arbeit mit Führungskräften, aus Forschung und aus meiner neurowissenschaftlichen Perspektive entwickelt habe. Der Grundgedanke ist: Klassische Kompetenzen reichen für moderne Führung nicht mehr aus.
Kompetenzen klingen oft statisch. Als hätte man etwas gelernt, hakt es ab und kann es dann. Führung funktioniert aber nicht so. Führung ist situativ, widersprüchlich, emotional, digital, menschlich und ständig in Bewegung.
Deshalb brauchen Führungskräfte aus meiner Sicht nicht nur Kompetenzen, sondern Intelligenzen. Intelligenz heißt für mich, meine Kompetenzen unter neuen Rahmenbedingungen anpassbar zu machen und szenariobasiert zu denken.
Beispiel: Sie können Fahrrad fahren (=Kompetenz). Was aber, wenn Sie morgen bei strömenden Regen im Wald eine Tour planen? Hier gilt es die Fähigkeit, sich den erschwerten Bedingungen anpassen zu können.
Alpha Intelligence beschreibt genau diese beweglichere Form von Führungsfähigkeit. Dazu gehören unter anderem Selbstführung, Beziehungsintelligenz, digitale Souveränität, Resilienz und die Fähigkeit, Mensch und Technologie sinnvoll miteinander zu verbinden.
Heute ist dies entscheidend, weil Führungskräfte unter enormem Druck stehen. Sie sollen Orientierung geben, obwohl sie selbst nicht alle Antworten haben. Sie sollen KI integrieren, ohne das Menschliche zu verlieren. Sie sollen Geschwindigkeit ermöglichen, ohne Menschen zu überfordern.
Hier hilft Alpha Intelligence, diese Spannungsfelder nicht nur auszuhalten, sondern bewusst zu gestalten. Für mich ist das der Kern moderner Führung: nicht perfekt sein, sondern beweglich und vor allem eins:
Achtsam und menschlich.
Wie gelingt es, in einer digitalen Welt echte Verbindung und Vertrauen aufzubauen?
Vertrauen entsteht nicht automatisch, nur weil man regelmäßig miteinander spricht. Es entsteht durch Verlässlichkeit, Interesse und echte Präsenz. Heute müssen Führungskräfte bewusster führen, weil viele Signale fehlen, die wir im persönlichen Kontakt intuitiv wahrnehmen.
In einem Raum spüren wir oft schnell, ob jemand angespannt ist, innerlich aussteigt oder Unterstützung braucht. Digital geht vieles davon verloren oder wird schwächer. Deshalb braucht es mehr Aufmerksamkeit für Zwischentöne: Wer meldet sich nicht mehr? Wer wirkt anders als sonst? Wo entsteht Distanz, obwohl formal alles läuft?
Dass ich mich als Mensch ernst genommen und zugehörig fühle, beginnt, wenn Führungskräfte nicht nur nach Ergebnissen fragen, sondern auch nach Energie, Belastung und Klarheit. Dazu gehört auch zuzuhören, ohne sofort zu bewerten. Wenn sie Räume schaffen, in denen auch Unsicherheit ausgesprochen werden darf.
Ich glaube fest daran: Digitale Führung bedarf mehr Emotion – und je digitaler unsere Zusammenarbeit wird, desto bewusster müssen wir das Menschliche gestalten.
Welchen Tipp geben Sie Führungskräften, die sichtbar und wirksam führen wollen und wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?
Mein wichtigster Tipp wäre: Verwechseln Sie Sichtbarkeit nicht mit Lautstärke. Sichtbar wird man nicht dadurch, dass man ständig sendet, aber auch, wenn Menschen spüren: Diese Führungskraft hat Haltung, Orientierung und echtes Interesse an Menschen.
Beginnen Sie mit vier Fragen:
- Wofür stehe ich als Führungskraft?
- Welche Wirkung möchte ich bei anderen erzeugen?
- Und was tue ich konkret, damit Menschen mir auch in unsicheren Zeiten folgen wollen?
- Und: Würde ich mir selbst folgen wollen?!
Wirksame Führung entsteht nicht durch perfekte Methoden, sondern durch bewusste Selbstführung, klare Kommunikation und die Fähigkeit, Beziehungen tragfähig zu gestalten. Wir brauchen als Menschen, als Mitarbeitende Führungskräfte, die nicht nur Prozesse steuern, sondern Emotionen leben und Verbindung schaffen.
Wer sich mit diesen Themen vertiefend beschäftigen möchte, findet Podcasts bei Spotify und iTunes von mir oder auf LinkedIn. Dort teile ich regelmäßig Impulse zu moderner Führung, Alpha Intelligence, KI, Digitalisierung und der Frage, wie wir Führung menschlicher und zugleich zukunftsfähiger gestalten können.
Über Barbara Liebermeister
Barbara Liebermeister ist Unternehmerin, Leadership-Expertin und Gründerin des Instituts für Führungskultur im digitalen Zeitalter. Seit vielen Jahren begleitet sie Führungskräfte und Unternehmen dabei, Leadership menschlicher, wirksamer und zukunftsfähiger zu gestalten.
Mit ihrem Konzept der „Alpha Intelligence“ verbindet sie moderne Führung, Neurowissenschaft, Digitalisierung und emotionale Wirkung zu einem neuen Verständnis von Leadership in der Arbeitswelt von morgen.





