Kira Marie Cremer bringt eine unbequeme Wahrheit auf den Punkt: Nicht die Menschen sind das Problem, sondern die Systeme, in denen sie arbeiten. Während sich die Arbeitswelt längst verändert hat, halten viele Unternehmen an Strukturen fest, die für eine völlig andere Zeit gemacht wurden und genau dort entsteht die Überforderung.
Sie zeigt, warum Flexibilität, New Work und moderne Arbeitsmodelle oft scheitern und was stattdessen wirklich gebraucht wird. Es geht um klare Regeln, echte Führung und den Mut, Systeme grundlegend zu hinterfragen, statt nur Symptome zu behandeln. Wer Arbeit neu denkt, schafft nicht nur bessere Ergebnisse, sondern auch echte Energie statt Dauererschöpfung.
Interview mit Kira Marie Cremer

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Warum funktioniert Arbeit heute für viele Menschen nicht mehr so, wie sie sollte?
Weil wir versuchen, eine neue Realität mit alten Systemen zu managen.
Die Arbeitswelt hat sich radikal verändert und der Fokus liegt nun mehr denn je auf Geschwindigkeit, Komplexität, Erwartungen an Sinn, Selbstbestimmung und mentaler Gesundheit. Aber die Strukturen, in denen wir arbeiten, sind oft noch aus einer Zeit, in der Menschen vor allem funktionieren sollten. Erfolg wurde an abgeleisteten Stunden bemessen und Mitarbeitende sollten umsetzen, nicht hinterfragen oder mitgestalten.
Ich finde, das größte Missverständnis ist: Wir glauben, es liegt an den Menschen, dabei liegt es am veralteten System.
Ein Beispiel aus meinem eigenen Alltag:
Ich habe ein Team mit vier Personen, die alle zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten. Für mich zählt das Ergebnis, nicht die abgesessene Zeit, weil ich meinem Team vertraue. Gleichzeitig zwingt uns das Arbeitszeitschutzgesetz dazu, Stunden zu dokumentieren – nicht für mich als Arbeitgeberin, sondern für den Staat.
Und genau hier zeigt sich der Widerspruch:
Wir sprechen von Flexibilität und Vertrauen, kontrollieren aber weiterhin Zeit statt Wirkung.
Hinzu kommt, dass wir strukturelle Probleme individualisieren:
Burnout? Dann brauchst du halt ein Resilienztraining.
Überforderung? Dann musst du besser priorisieren.
Das ist bequem, aber falsch.
Die Wahrheit ist:
Viele Jobs sind heute nicht zu viel für einzelne Menschen, sondern falsch organisiert für alle. Und solange wir das nicht anerkennen, optimieren wir Symptome statt Ursachen.
Was bedeutet New Work für Sie jenseits von Buzzwords ganz konkret im Alltag?
Ich spreche bewusst weniger von „New Work“ und mehr von Future of Work. Es war mir auch wichtig, meinen Kurs an der Tomorrow University so zu nennen, weil „New Work“ international nie richtig Fuß gefasst hat und inzwischen oft mehr Marketing als Veränderung ist.
Für mich bedeutet das, Folgendes zu priorisieren:
- Führung, die weniger operativ agiert, sondern Orientierung gibt
- Ergebnisse zählen mehr als Anwesenheit
- Leistung wird nicht über Erschöpfung definiert
Also Arbeit, die Menschen Energie gibt und sie nicht nur nimmt.
Denn das ist der Gedanke vom New-Work-Konzept, was wir immer noch dringend voranbringen müssen. Leider ist jedoch aktuell der Kurs in vielen Unternehmen ein anderer.
Viele Organisationen reagieren auf Krisen reflexartig mit einem Schritt zurück. Mehr Kontrolle, mehr Präsenz, mehr „so haben wir es schon immer gemacht“. Dass unsere Welt (egal, ob Arbeit oder Privat) mittlerweile aber eine andere ist und veränderte Bedürfnisse befriedigen muss, beherzigen viele Manager:innen nicht.
Und das macht mich ehrlich gesagt wütend, weil wir es eigentlich besser wissen könnten.
Welche Fehler machen Unternehmen aktuell, wenn sie moderne Arbeitskultur umsetzen wollen?
Viele Unternehmen investieren in Benefits, Tools oder neue Arbeitsmodelle, aber lassen die eigentlichen Probleme unangetastet:
- unklare Rollen
- Führung ohne Haltung
- Kommunikationschaos
Dann wundern sie sich, warum trotz „moderner“ Maßnahmen nichts besser wird.
New Work auf alte Strukturen zu setzen, nenne ich in meinem Buch das Pflastersyndrom:
Ein Pflaster lässt eine Wunde von außen besser aussehen, heilt sie aber nicht.
Übertragen auf Arbeit bedeutet das:
Du kannst eine Viertagewoche einführen oder Remote Work ermöglichen, wenn die zugrundeliegenden Probleme bleiben, verändert sich nichts. Menschen arbeiten dann einfach vier Tage im gleichen Chaos.
Stattdessen braucht es den Mut, an die Ursachen zu gehen. Und das ist oft unbequemer als jede Benefit-Diskussion.
Kira Marie Cremer: Sichtbarkeit schafft Einfluss

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Wie können flexible Arbeitsmodelle wirklich zu mehr Energie statt Überforderung führen?
Flexibilität funktioniert nur, wenn sie eingebettet ist in klare Strukturen und Erwartungen.
Hier helfen klare Ziele, definierte Zeitfenster für Zusammenarbeit und vor allem Führungskräfte, die Grenzen vorleben.
Viele denken: Flexibilität bedeutet weniger Regeln. Das Gegenteil ist der Fall. Je flexibler Arbeit wird, desto klarer müssen die Spielregeln sein. Sonst entsteht genau das, was wir gerade sehen:
Menschen sind theoretisch frei – aber praktisch ständig verfügbar.
Und das ist keine neue Arbeitswelt. Das ist alte Überforderung in neuem Gewand.
Welche Rolle spielt persönliche Haltung, wenn es um Veränderung von Arbeitskultur geht?
„Du musst nur die richtige Einstellung haben.“ greift meiner Meinung nach viel zu kurz. Denn Haltung zeigt sich nicht in Worten, sondern in Entscheidungen.
Wenn ich als Speakerin, LinkedIn Top Voice oder in meinem Podcast über gesunde Arbeit spreche, muss ich das auch in meinem eigenen Team leben. Sonst verliere ich meine Glaubwürdigkeit. Das heißt, ich spreche Probleme offen an, setze Grenzen und übernehme Verantwortung für mein Team und mich.
Gleichzeitig dürfen wir Haltung nicht romantisieren.
Du kannst die beste Haltung haben, wenn das System dich permanent ausbremst, wird Veränderung schwierig.
Deshalb braucht es beides:
Menschen mit Haltung und Strukturen, die diese Haltung möglich machen. Erst dann entsteht echte Veränderung.
Welchen Tipp geben Sie Frauen, die Arbeit für sich neu gestalten wollen und wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?
Warte nicht darauf, dass dir jemand erlaubt, Arbeit anders zu gestalten.
Viele Frauen sind extrem kompetent, aber sozialisiert darauf, sich anzupassen statt zu gestalten.
Das zeigt sich schon in kleinen Dingen, wie eine Beförderung nicht einzufordern, obwohl sie berechtigt wäre. Ich kenne das selbst sehr gut.
Ich habe mich lange kleiner gemacht, als ich es hätte tun sollen – weil ich dachte, ich würde sonst prahlen. Gerade als Selbstständige ist das ein großer Fehler. Denn wenn du deinen eigenen Wert nicht klar benennen kannst, wird es niemand anderes für dich tun.
Deshalb mein Rat:
- Sprich aus, was du willst
- Definiere deine Grenzen
- Hinterfrage Regeln, die niemand aktiv entschieden hat
Und vor allem:
Du musst nicht perfekt sein, um sichtbar zu werden. Du musst sichtbar sein, um Einfluss zu haben.
Mir ist Community sehr wichtig, deswegen kann man mit mir über meinen Instagram und LinkedIn Channel jederzeit in Kontakt treten und natürlich auch über meine Website. Ich freue mich darauf, von euch zu lesen!
Über Kira Marie Cremer
Kira Marie Cremer ist Autorin von „New Work. Wie arbeiten wir in Zukunft?“, Dozentin für „Future of Work & Organizational Psychology“ und LinkedIn Top Voice. Sie steht für eine klare Perspektive auf Arbeit jenseits von Buzzwords und plädiert für strukturelle Veränderungen statt individueller Selbstoptimierung.



