Petra Passoth steht für eine Form von Führung, die nicht aus Druck entsteht, sondern aus innerer Klarheit. Zwischen Geschwindigkeit und permanenten Erwartungen verlieren viele Führungskräfte genau das, was sie eigentlich stark macht: die innere Wahlfreiheit. Nach außen läuft alles, doch innen wird es eng. Entscheidungen fühlen sich fremdbestimmt an, Führung wird zur Daueranspannung und echte Gestaltung rückt in den Hintergrund.
Im Interview mit HR Insider spricht Petra Passoth darüber, warum innere Freiheit keine weiche Idee ist, sondern die Basis wirksamer Führung. Sie zeigt, wie fehlende Klarheit Teams destabilisiert, weshalb echtes Interesse wichtiger ist als Kontrolle und warum Haltung entsteht, wenn Führungskräfte beginnen, sich selbst wieder ernst zu nehmen. Ein Gespräch über Mut, Selbstführung und darüber, warum Führung erst dann kraftvoll wird, wenn sie wieder von innen kommt.
Interview mit Petra Passoth

Woran merken Führungskräfte, dass sie innerlich nicht mehr frei agieren?
Viele Führungskräfte kommen nicht zu mir, weil „alles zu viel“ ist. Sondern weil sie spüren, dass etwas Entscheidendes fehlt: innere Bewegungsfreiheit. Nach außen funktioniert alles, aber innen wird es eng, chaotisch – es macht einfach keinen Spaß mehr oder ergibt keinen Sinn.
Ein erstes Zeichen ist oft, dass Führung mehr Reaktion als Gestaltung wird. Entscheidungen entstehen nicht mehr aus innerer Klarheit, sondern aus Erwartungsdruck, politischen Überlegungen oder der Angst, etwas falsch zu machen. Meistens wissen die Personen was stimmig wäre und handelt trotzdem anders, weil sie müssen.
Ein zweites Signal zeigt sich im Umgang mit sich selbst. Pausen werden verschoben, Grenzen ignoriert, Erschöpfung rationalisiert. Es entsteht eine „Entschuldigungshaltung“ – in der Führung muss ich funktionieren, in der Führung muss ich erreichbar sein.
Das innere „Ich könnte auch anders“ wird leise, das „Ich muss“ übernimmt. Führung wird zur Daueranspannung und Fremdbestimmung. Achtung hier entsteht häufig ein großes, „nein, bei mir ist das anders, weil…“. 😉
Und dann gibt es diesen Moment, in dem die eigene Rolle enger wird. Nach außen souverän, nach innen vorsichtig. Worte werden abgewogen, Gefühle kontrolliert, Zweifel verborgen. Nicht, weil sie irrelevant wären, sondern weil Authentizität riskant erscheint.
Innere Unfreiheit ist kein persönliches Versagen. Sie ist oft ein Hinweis darauf, dass Menschen zu lange gegen sich selbst geführt haben. Und genau dort beginnt für mich gesunde und authentische Führung und auch Systemisches Coaching: bei der Rückgewinnung dieser inneren Wahlfreiheit.
Warum wird Führung schwierig, wenn keine echten Fragen mehr gestellt werden?
Na, dafür möchte ich an dieser Stelle erst einmal kurz definieren, was für mich Führung genau bedeutet, denn auch hier gehen die Ideen weit auseinander.
Führung heißt steuern und Ziele erreichen und genau deshalb ist Vertrauen keine Kür, sondern die Basis, auf der alles andere aufbaut.
Und so komme ich dazu, dass Führung ohne echte Fragen die Basis verliert – den Beziehungskern.
Vielleicht haben Sie schon mal einen Paartanz getanzt, denn daran kann Führung gut erklärt werden. Um überhaupt führen zu können, brauche ich Körperspannung. Sie gibt Orientierung, Halt und Richtung vor. Doch diese Körperspannung entsteht nicht aus Technik, sondern aus innerer Klarheit und aus der Beziehung zu meinem Tanzpartner.
Dazu gehört auch die Wahrnehmung und im Kontakt zu sein – ein zentrales Arbeitsfeld im systemischen Führungs- und Business Coaching.
Wenn ich als Führungskraft keine echten Fragen mehr stelle, verliere ich genau diesen Kontakt. Ich spüre mein Gegenüber nicht mehr – und damit fehlt mir die Spannung, die es braucht, um im Tanz zu führen.
Dann werden Schritte nur noch einstudiert und auswendig abgespult, aber es entsteht kein gemeinsames Schwingen mehr. Kein Spaß und auch keine Kreativität. Führung wird mechanisch statt lebendig.
Somit sehe ich echtes Interesse am Gegenüber mit der oben beschriebenen Haltung als die Basis. Und ohne offene Fragen und aktives Zuhören wird es halt schwierig in Kontakt zu treten und zu führen.
Was passiert mit Teams, wenn Klarheit fehlt, aber das Tempo hoch bleibt?
Dann geraten Teams ins Straucheln. Und dieses Straucheln kostet enorm viel Kraft. Wenn unklar ist, was erwartet wird, leidet die Sicherheit. Menschen werden vorsichtiger, ziehen sich zurück oder versuchen, sich abzusichern. Das kann einen regelrechten Teufelskreis auslösen – bis hin zu gesundheitlichen Folgen und/oder innerer Kündigung.
In meinen Führungskräfte Trainings sehe ich oft, dass nicht das Tempo das eigentliche Problem ist, sondern fehlende Klarheit und Orientierung bei gleichzeitigem Leistungsdruck.
Petra Passoth: Innere Freiheit als Schlüssel moderner Führung
Warum ist Freischwimmen im Business oft mutiger als Durchhalten?
Für mich ist die zentralste Antwort: Gesund bleiben. Wenn ich gesunde Mitarbeitende habe, habe ich eine realistische Chance, Motivation zu fördern – oder noch besser: intrinsische Motivation zu erkennen und zu nutzen.
Dieses wiederum führt dazu, dass auch die Krankheitstage sinken. Und wenn ich das weiterdenke, stehen mehr produktive Stunden zur Verfügung, so dass ich z. B. auch eine Pause für einen gemeinsamen Kaffee guten Gewissens schätzen kann.
Und doch schließt Freischwimmen, so wie ich es verstehe, Durchhalten nicht aus. Es geht vielmehr um ein bewusstes, selbstgesteuertes Durchhalten, bei dem ich meine Stärken, Bedürfnisse und Werte lebe und einen Fortschritt erlebe. Durchhalten nur um des Durchhaltens willen halte ich für sehr schwer und langfristig ungesund.
Es gibt aber Situationen, in denen Durchhalten Sinn macht und sogar nährt. Ein gutes Bild ist für mich das Schwimmen: Ein Mensch, der bei Olympia einen Kilometer schwimmt, hält auch durch. Aber er tut das aus einer inneren Motivation heraus, mit einem klaren Ziel vor Augen. Das Durchhalten fühlt sich dann sinnvoll, attraktiv und realistisch an. Genau darum geht es auch im Business.
Was verändert sich, wenn Führung wieder Haltung bekommt?
Ich deute diese Frage als Umkehrschluss zur ersten Frage und mache es damit greifbar:
Dort, wo Führungskräfte innere Freiheit zurückgewinnen, entsteht wieder Haltung. Entscheidungen fühlen sich wieder nach Selbstbestimmung an – nicht nach Pflichterfüllung. Handeln ist nicht mehr nur Reaktion auf äußere Anforderungen, sondern Ausdruck einer inneren Klarheit.
Innere Haltung bringt Ruhe ins System. Der innere Alarmmodus darf sich zurückziehen, der Kopf wird ruhig und klar – so entstehen wieder Ressourcen für die Beziehung nach innen und außen. Wenn sich dann der „Stressnebel“ im Kopf lichtet, kommen Kommunikation und Handlungen aus dem Vertrauen – Sicherheit wird ausgestrahlt.
Es entsteht die Basis, dass Vertrauen wachsen kann. Ein offener, wertschätzender und verbindlicher Dialog unterstützt das wachsende Vertrauen.
Teams erleben das sehr deutlich: Führung wird berechenbarer, klarer und menschlicher zugleich. Erwartungen sind ausgesprochen, Ziele verständlich, Feedback wird möglich. Psychologische Sicherheit entsteht nicht durch Schonung, sondern durch Haltung und Handlung.
Um dorthin zu kommen, braucht es keine schnellen Tools, sondern ehrliche Selbstreflexion. Drei Coachingfragen, die ich hier gerne mitgebe, sind:
- In welchen Situationen handele ich komplett aus mir heraus?
- Woran orientiere ich mich aktuell bei meinen Entscheidungen?
- Was brauche ich, um innerlich ruhig zu bleiben, auch wenn der Druck im Außen steigt?
Haltung entsteht nicht über Nacht. Aber sie wächst genau dort, wo Führungskräfte beginnen, sich selbst ernst zu nehmen und sich erlauben, aus innerer Klarheit heraus zu führen statt aus Daueranspannung.
Welche zentrale Haltung möchten Sie Entscheidern mitgeben und wie können Leserinnen und Leser mit Ihnen in Kontakt treten?
Für mich beginnt alles damit, dass ich mich als Führungsperson selbst kenne – damit meine ich meine Persönlichkeit, Identität, Werte, Glaubenssätze etc. Daraus leitet sich meine innere Haltung ab. Darin sollte eine Ausprägung von zielgerichteter Neugierde und echtem Interesse (Offenheit) am Gegenüber enthalten sein.
Ganz im Sinne von: „Ich bin okay und du bist okay.“ Empathie und ehrliche Wertschätzung ergeben sich dann fast automatisch. Sie zeigen sich im Verhalten, in Entscheidungen und im täglichen Miteinander. Das in Kürze, doch darüber könnte ich noch lange berichten.
Leserinnen und Leser erreichen mich über alle Kontaktwege auf meiner Website – am einfachsten und direktesten per Mail. Ich freue mich immer über Austausch, Fragen und neugierige Gespräche.
Über Petra Passoth
Petra Passoth ist Gründerin der freischwimmen GmbH und begleitet Führungskräfte sowie Organisationen im Business und systemischen Coaching. Sie verbindet fundierte Führungserfahrung mit einem klaren Blick auf Selbstführung Beziehungen und Dynamiken in komplexen Arbeitskontexten. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Überzeugung dass gesunde wirksame Führung aus innerer Wahlfreiheit entsteht.




