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Marcus K. Reif: HR zwischen Wirkung und Stillstand

Marcus K. Reif bringt auf den Punkt, was viele Unternehmen nicht hören wollen: Personalarbeit scheitert selten an Tools, sondern an Haltung, Mut und einem völlig überholten Verständnis von HR. Während nach außen Transformation propagiert wird, bleibt intern oft alles beim Alten und genau dort entsteht der eigentliche Schaden.

Er zeigt, warum echte Wirkung erst entsteht, wenn HR nicht länger verwaltet, sondern Entscheidungen aktiv mitgestaltet. Es geht um Klarheit, Konsequenz und die Bereitschaft, unbequeme Fragen zu stellen, bevor Fehlentscheidungen teuer werden und Kultur zur reinen Fassade verkommt.

Marcus K. Reif im Interview

Interview Marcus K. Reif

Warum scheitert moderne Personalarbeit in vielen Unternehmen noch an alten Denkmustern?

Moderne Personalarbeit scheitert oft nicht an fehlenden Tools, sondern an einem veralteten Menschenbild. In vielen Organisationen wird HR noch immer als Verwaltungsfunktion verstanden: Verträge, Prozesse, Richtlinien, vielleicht noch Recruiting. Aber nicht als gestaltende Kraft für Führung, Leistungsfähigkeit, Kultur und Zukunftssicherung. Genau dort beginnt das Problem.

Alte Denkmuster zeigen sich vor allem in drei Punkten:

  • Erstens wird Personal immer noch zu häufig als Kostenblock betrachtet und nicht als Wertschöpfungsfaktor.
  • Zweitens dominiert in vielen Unternehmen ein stark hierarchisches Führungsverständnis, das auf Kontrolle statt auf Vertrauen, Verantwortung und Entwicklung setzt.
  • Drittens fehlt oft der Mut, Entscheidungen wirklich an Kompetenzen, Potenzial und Kultur auszurichten, statt an Titeln, Dienstjahren oder tradierten Machtstrukturen.

Ein Beispiel, das ich immer wieder erlebe: Ein Unternehmen ruft öffentlich eine Transformation aus, investiert in Agilität und New Work – aber die Führungskräfteentwicklung bleibt unverändert, Beförderungen laufen nach dem gleichen Schema wie seit 20 Jahren. Und HR ist in strategische Entscheidungen nicht eingebunden.

Das ist kein Wandel. Das ist Fassadenpflege.

Viele sprechen heute von Transformation, aber intern arbeiten sie gedanklich noch in den Logiken der 1990er Jahre. Wer Personal nur verwaltet, wird den Herausforderungen von Fachkräftemangel, Demografie, Digitalisierung und kulturellem Wandel nicht gerecht.

Zukunftsfähige HR-Arbeit beginnt dort, wo Unternehmen bereit sind, Menschen nicht als Ressource im engeren Sinn zu behandeln, sondern als entscheidenden Hebel ihres Erfolgs.

Was unterscheidet echtes People Management von klassischer HR-Verwaltung?

Klassische HR-Verwaltung sorgt dafür, dass Personalprozesse sauber laufen. Das ist wichtig, aber es ist nicht genug. Echtes People Management geht deutlich weiter. Es fragt nicht nur: Ist der Prozess korrekt? Sondern: Trifft das Unternehmen die richtigen Entscheidungen in Bezug auf Menschen, Teams, Führung und Leistung?

People Management ist unternehmerisch. Es denkt vom Geschäft her. Es beschäftigt sich mit Fragen wie: Welche Fähigkeiten brauchen wir morgen? Wie gewinnen wir die richtigen Menschen? Wie entwickeln wir Führung? Warum verlassen uns gute Mitarbeitende? Wo verlieren wir Produktivität durch schlechte Führung, unklare Rollen oder kulturelle Brüche?

Der Unterschied zeigt sich auch darin, wo man sitzt: In der Verwaltungsrolle bearbeitet man Anfragen. In der People-Management-Rolle stellt man sie selbst – proaktiv, vorausschauend, unbequem, wenn nötig.

Verwaltung sichert Ordnung. People Management schafft Wirkung. Es verbindet Daten, Führung, Kultur und Talententscheidungen mit der Geschäftsstrategie. Und es verlangt eine andere Haltung: weniger Regelverwalter, mehr Sparringspartner. Weniger operative Reaktion, mehr vorausschauende Steuerung.

Für mich ist gutes People Management immer auch ein Beitrag zur Qualität von Entscheidungen. Denn schwache Personalentscheidungen verursachen fast immer Folgekosten: in Form von Fluktuation, Reibung, Fehlbesetzungen, Demotivation oder Führungsschäden.

Warum wird Recruiting noch immer falsch priorisiert und was kostet Unternehmen das wirklich?

Recruiting wird in vielen Unternehmen immer noch zu spät, zu operativ und zu wenig strategisch gedacht. Oft beginnt der Prozess erst dann, wenn der Druck schon hoch ist: jemand kündigt, ein Team ist überlastet, ein Bereich wächst ungeplant. Dann soll möglichst schnell ersetzt werden. Das Ergebnis ist hektisches Recruiting statt sauberer Personalgewinnung. Eben zur Ausbalancierung von Fluktuation.

Hinzu kommt: Viele priorisieren Recruiting falsch, weil sie die Kosten einer Fehlbesetzung oder einer Nichtbesetzung massiv unterschätzen. Recruiting wird dann auf Anzeigen, Time-to-hire oder Agenturkosten reduziert. Das greift zu kurz.

Die eigentlichen Kosten liegen viel tiefer: verlorene Produktivität, sinkende Servicequalität, Überlastung im Team, längere Vakanzzeiten, Reputationsschäden und im schlimmsten Fall teure Trennungen nach kurzer Zeit.  Die Gesamtkosten einer Fehlbesetzung auf Führungsebene liegen erfahrungsgemäß nicht selten beim Eineinhalbfachen des Jahresgehalts – und das ist noch eine konservative Schätzung.

Unternehmen machen außerdem häufig den Fehler, Recruiting als isolierte Disziplin zu sehen. In Wahrheit ist es eng mit Führung, Arbeitgeberattraktivität, Auswahlqualität und Onboarding verknüpft. Ein schlechtes Recruiting ist selten nur ein Recruiting-Problem. Meist ist es ein Spiegel organisatorischer Schwächen.

Wer Recruiting ernst nimmt, muss früher anfangen: mit Workforce Planning, klaren Anforderungsprofilen, professioneller Auswahl und einer realistischen Sicht darauf, wen man warum gewinnen will. Recruiting ist kein administrativer Bestellvorgang. Es ist eine geschäftskritische Investitionsentscheidung.

Marcus K. Reif: HR muss entscheiden

Zitat Marcus K. Reif

Welche Rolle spielt die Unternehmenskultur heute für den wirtschaftlichen Erfolg?

Eine sehr große. Unternehmenskultur ist längst kein weiches Thema mehr, das man in Leitbildern oder Hochglanzpräsentationen ablegt. Kultur entscheidet darüber, wie Menschen führen, zusammenarbeiten, Konflikte lösen, Verantwortung übernehmen und mit Leistung umgehen. Und genau das hat unmittelbare wirtschaftliche Folgen.

Kultur beeinflusst, wie schnell Entscheidungen getroffen werden, wie hoch die Veränderungsbereitschaft ist, wie attraktiv ein Unternehmen für gute Talente wirkt und ob Menschen bleiben oder innerlich kündigen. Sie prägt das Klima, in dem Leistung entsteht oder eben verhindert wird.

Besonders relevant wird Kultur in Phasen von Unsicherheit, Wachstum oder Transformation. Dann zeigt sich sehr schnell, ob ein Unternehmen auf Vertrauen, Klarheit und Verantwortlichkeit gebaut ist oder auf politische Spielchen, Silodenken und Absicherung. Eine starke Kultur reduziert Reibungsverluste. Eine schwache Kultur produziert sie täglich.

Deshalb sollte Kultur auch nicht romantisiert werden. Sie ist kein Feelgood-Programm. Sie ist ein wirtschaftlicher Faktor. Unternehmen mit guter Kultur sind nicht automatisch netter. Aber sie sind oft klarer, konsequenter und leistungsfähiger und das schlägt sich am Ende in Zahlen nieder.

Was müssen HR-Abteilungen konkret verändern, um als echter Business-Partner wahrgenommen zu werden?

Zuerst müssen sie aufhören, sich selbst nur über Fleiß und Servicebereitschaft zu definieren. Viele HR-Teams arbeiten enorm viel, werden aber trotzdem nicht als strategisch wahrgenommen. Warum? Weil sie oft zu nah an Administration und zu weit weg vom Geschäft agieren.

Wer echter Business-Partner sein will, muss die Sprache des Business sprechen. Das heißt: Geschäftsmodell verstehen, wirtschaftliche Prioritäten kennen, Risiken benennen, Daten nutzen und Entscheidungen mitgestalten. HR darf nicht erst dann sichtbar werden, wenn ein Problem eskaliert. Es muss früher an den Tisch.

Konkret heißt das auch: die eigene Rolle sauber klären und strukturell richtig aufstellen. Ein HR Business Partner kann nur dann strategisch wirken, wenn operative Themen, Services und Spezialexpertise an anderer Stelle gut organisiert sind. Trägt man all das selbst, bleibt für echte strategische Arbeit keine Zeit und der Business-Partner-Titel bleibt eine schöne Fassade.

Außerdem braucht HR mehr Mut zur Haltung. Business Partnership heißt nicht, allem zuzustimmen. Es bedeutet, Entscheidungen zu challengen, Führungsqualität einzufordern, personelle Risiken klar anzusprechen und auf saubere Standards zu bestehen. Gute HR-Arbeit ist nicht bequem. Aber sie schafft Qualität in der Organisation.

Welchen Tipp geben Sie Unternehmen, die ihre Personalarbeit zukunftsfähig aufstellen wollen und wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?

Mein wichtigster Tipp ist: Beginnen Sie nicht mit Tools, sondern mit Klarheit. Klären Sie zuerst, welche Rolle Personal in Ihrem Unternehmen überhaupt spielen soll. Verwaltung? Service? Steuerung? Oder echter Beitrag zur Zukunftsfähigkeit? Solange diese Frage nicht sauber beantwortet ist, bleiben viele HR-Initiativen Stückwerk.

Zukunftsfähige Personalarbeit braucht drei Dinge: ein realistisches Bild der externen Arbeitswelt, ein ehrliches Bild der eigenen Organisation und den Willen, Führung und Talententscheidungen konsequent zu professionalisieren. Es reicht nicht, über New Work, Kultur oder Fachkräftemangel zu reden. Man muss daraus belastbare Entscheidungen ableiten.

Unternehmen sollten sich dabei insbesondere fragen:

  • Gewinnen wir wirklich die richtigen Menschen?
  • Entwickeln wir Führung systematisch?
  • Treffen wir Personalentscheidungen nachvollziehbar und qualitätsgesichert?
  • Und schaffen wir ein Umfeld, in dem gute Leute bleiben und wirksam werden können?

Wer diese Fragen ernsthaft bearbeitet, ist auf einem guten Weg und genau dabei unterstütze ich gerne.

Kontakt:

Über Marcus K. Reif

Marcus K. Reif beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit Recruiting, Führung und moderner Personalarbeit. Er ist Personalleiter, Blogger und Impulsgeber zu den Fragen, wie Unternehmen bessere Personalentscheidungen treffen und HR wieder relevanter für das Business werden kann. Auf seiner Website schreibt er regelmäßig über Recruiting, Unternehmenskultur, HR-Transformation und die Zukunft der Arbeitswelt.

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